Neulich wurde ein Kollege von mir schwanger. Natürlich nicht er, sondern nur seine Freundin, aber heutzutage ist das ja etwas anders als früher. Hatte beispielsweise seinerzeit mein Vater von der Schwangerschaft seiner Frau erst dann Kenntnis genommen, als ich alt genug war, um sein Auto zu Schrott zu fahren, so ist ein werdender Papa heute mindestens ebenso schwanger wie die Frau: Umspült von indonesischen Gamelan-Klängen spürt er, auf roten Isomatten liegend, dem Uterus im Manne nach, er atmet tiiiiieeeeeffff ein und tiiiiieeeeeffff wieder aus – und er presst. Und presst. Und presst. Sein Stuhlgang kann sich noch so unkompliziert gestalten: Er presst. „Aus Solidarität“, wie mein Kollege sagt.
Fasziniert von der Metamorphose dieses ehemaligen Rüpels, der von einem auf den anderen Tag seinen inneren Organen lieber Gedichte vorzulesen schien, statt sie mit Alkohol lahmzulegen, begann ich, den zeitgenössischen Ritualen rund um die Schwangerschaft nachzuspüren – und kam aus dem Staunen nicht mehr raus. Insbesondere beeindruckte mich, dass Menschen, die ihre Schwangerschaft derart intensiv in der Öffentlichkeit zelebrieren, damit drei Monate bis nach der ersten Verfärbung des Papierstreifens warten. Und zwar auf den Tag genau. „Was für’n Quatsch!“ sagte ich dem Kollegen. „Wie hast’n das ausgehalten? Und da sag du noch mal, wir Homos seien skurril“. Er aber lächelte nur gequält. „Ist mir tatsächlich schwergefallen, drei Monate lang keinem was zu sagen. Aber es ist nun mal so: Vorher drüber reden bringt Unglück.“
Potzblitz, das leuchtete mir ein. An Aberglauben glaube ich nämlich auch. Und während ich noch darüber nachdachte, wer eigentlich die skurrileren Rituale pflegt, schwangere Heteros oder
Schwule auf der Balz, geschahen plötzlich merkwürdige Dinge mit mir, als ich just nach einer solchen Balz das Bedürfnis verspürte, das Objekt der Begierde ein zweites Mal und ein drittes Mal und ein viertes Mal zu treffen: Ich las Gedichte. Ich kaufte Rosen. Ich hatte Hormone. Ich war verliebt.
Was aber tun, um diesen Zustand und den dazugehörigen Kerl zu halten? Meine Voodoo-Puppe stand für positive Beschwörungen nicht mehr zur Verfügung, seit ich sie beim letzten, zugegebenermaßen etwas theatralisch geratenen Trennungsakt erst mit Nadeln gespickt, dann ertränkt, anschließend gehängt, über Kopf gekreuzigt, gevierteilt und schließlich verbrannt hatte. Und allein, so ganz ohne Hilfsmittel, auf die eigene Reife und Beziehungsfähigkeit zu setzen, erschien mir etwas zu gewagt. Da fiel mir die Unglücksvermeidungsregel schwangerer Heteros wieder ein und ich beschloss: Drei Monate lang sollte kein Mensch von meinem neuen Glück erfahren, um einer etwaigen emotionalen Frühgeburt vorzubeugen. Außerdem wollte ich mir die üblichen blöden Kommentare ersparen: „Wie heißt er denn dieses Mal? Lohnt es sich überhaupt, dass ich mir den Namen merke?“
Das Projekt „Lächeln und schweigen“ lief dann auch ein paar Tage lang vermeintlich ziemlich gut. Für meine Freunde war ich einfach nicht zu sprechen, und im Büro wunderte man sich zwar über das beständige Hoch, das sich über meinem Schreibtisch festsetzte, aber man schien dies eher erleichtert hinzunehmen, ohne es zu hinterfragen. „Ist ja schön zu sehen, dass selbst ein Mensch wie du freundlich sein kann“. Als ich dem Liebsten in der Mittagspause Blumen kaufte und diese im Büro zwischenlagerte, erntete ich zwar verwunderte Blicke, aber mit meiner Erklärung („Sind für meine Mutter“) schien man sich zufrieden zu geben: „Hast ja gar nicht erzählt, dass sie in der Stadt ist?!“ Ich konnte ja nicht ahnen, dass hinter meinem Rücken längst Wetten abgeschlossen wurde: „Fünf zu eins, dass in spätestens einer Woche wieder schluss mit lustig ist.“
Eines Morgens – ich hatte die Nacht bei meinem neuen Lieblingsmann verbracht und in Ermangelung meines eigenen sein Parfüm aufgetragen, ohne mir zu merken, nach was ich da gegriffen hatte – schnappte die Falle zu. Weil er im Gegensatz zu mir über einen richtigen Beruf verfügt, also einen, bei dem man früh anfangen muss, war auch ich an diesem Tag ungewöhnlich früh im Büro. „Was’n los? Ist ja noch nicht mal zehn. Wo kommst’n Du schon her?“ Ich murmelte was von wichtigen Terminen und versuchte mich an der Kollegin, die mir den Weg zur Kaffeemaschine versperrte, vorbeizudrängen. Das hätte ich besser nicht machen sollen. „Mann, das riecht ja gut. Hast Du ´nen neuen Duft? Was is’n das?“ Ich wurde rot und wusste: Mein süßes Geheimnis war gelüftet, mein Projekt gescheitert. Und tatsächlich. Die Schlange setzte ihr süßestes Lächeln auf und biss zu: „Nun sag schon. Wie heißt er? Lohnt es sich dieses Mal, dass ich mir den Namen merke?“

