Neulich lud ich ein paar Schwuppen meines Vertrauens, allesamt heißgeliebte Geister einer verklärten Vergangenheit, zu mir ein. Ich hatte Lust auf die drei Z, für die solcherlei schwule Wegbegleiter zuständig sind – Zechen, Zicken und Zerstreuen – außerdem war mein Kerl übers Wochenende nicht greifbar und hatte mir unter Androhung der umgehenden Wiederherstellung des Single-Zustands streng verboten, meine Lieblingskneipen anzusteuern. Ergo schien der richtige Moment für ein Spontangelage mit alten Freunden gegeben, das, wie ich mir zuvor ausmalte, nahtlos an die legendären Parties anknüpfen sollte, die wir einst in der schwullesbischen Teestube in Oldenburg-Nadorst feierten, wenn die Lesben endlich nach Hause gegangen waren.
Doch Pustekuchen. Bereits die Ausreden der Zuspätkommer („Mein Physiotherapeut hat überzogen“, „Sorry, ich musste noch die Steuererklärung machen“) ließen an diesem Abend erahnen, dass das Adjektiv im Begriff „alte Freunde“ inzwischen weitaus mehr beschrieb als nur die reine Dauer unserer Bekanntschaft. Die einstmals führenden Junghomosexuellen der nordwestdeutschen Provinz waren in die Jahre gekommen und pflegten nun in der Metropole ein gediegenes, unspektakuläres Dasein. Nachdem sie ihre Lendenwirbelsäulen orthopädisch-korrekt auf meinen Sitzmöbeln justiert hatten, hießen sie mich erstmal, die Musik leiser zu stellen. „Mann, was’n das für ein Krach hier?“ Ich war entsetzt. „Mädels, das ist doch Abba!“
Aber es kam noch schlimmer. Robert, den wir früher „Rosine“ riefen, lehnte den Prosecco ab und bat stattdessen um grünen Tee. Stephan „Steffi“ dozierte über die Vorzüge ayurvedischer Ernährung, als ich („wie früher, von ALDI, versteht sich!“) Chips, Flips und Erdnüsse reichen wollte. Andreas „Agneta“ präsentierte Fotos einer Studiosus-Gruppenreise durch die Lombardei auf seinem iPhone. Und Werner „Vendeta“ blickte mitleidig auf meinen betagten Röhrenfernseher. „Verdienste so wenig, dass Du Dir noch nicht mal einen Flachbildschirm leisten kannst?“
Aber es kam noch schlimmer. Um verstehen zu können, wie schlimm, ist es unabdingbar, vom Inhalt eines Versprechens zu wissen, das ich Steffi vor vielen Jahren abgenommen habe, als wir noch so etwas wie eine Haarfarbe hatten und Physiotherapeuten, wenn überhaupt, im Darkroom kennenlernten. Sie hatte damals auf mein Drängen feierlich geschworen, mich als letzten Freundschaftsdienst umgehend zu erschießen, wenn eine der drei folgenden Situationen eintreten sollte. Erstens: Ich trinke Asbach-Cola. Zweitens: Ich verlasse das Haus am hellichten Tag im Trainingsanzug. Drittens: Ich lade meine schwulen Freunde zu einem Brettspielabend ein. Peng!
Ergo war ich nicht wirklich amüsiert, als Steffi vorschlug, den Abend des geselligen Beisammenseins zum heiteren Scrabblespiel zu nutzen. Ich blickte sie entsetzt an und sah im Geiste vor mir, wie sie nach Ende des Spiels einen Revolver aus ihrem Jack-Wolfskin-Rucksack holt, den sie langsam gegen meine Schläfe drückt und entsichert, während ich meine letzte Zigarette rauche und „I did it my way“ vor mich hinsumme. Doch Steffi schien den folgenschweren Eid von damals, vielleicht lag’s an der ayurvedischen Ernährung, vergessen zu haben. „Wir machen’s etwas anspruchsvoller, Mädels!“ juchzte sie, wieder ganz die Kreischelse von einst, und klatschte begeistert in die Hände. „Wir dürfen nur Worte legen, die etwas bezeichnen, was uns für unsere Zukunft wirklich wichtig ist.“ Zustimmendes Gemurmel der anderen – schließlich hatte jeder von ihnen irgendwann mal ein paar Semester lang Psychologie studiert, und wem im Alter die Gesprächsthemen ausgehen, der muss sich halt welche basteln.
Steffi definierte die Spielregeln: Wegen des höheren Schwierigkeitsgrades sollte jeder drei Mal so viel Buchstaben ziehen dürfen wie beim normalen Scrabble. Dafür sollte ein Tausch nicht möglich sein. Wieder zustimmendes Gemurmel, die Steinchen wurden gemischt, Rosine fing an. Grübel, grübel, ein Schluck grüner Tee, wieder grübel, dann Erleichterung: FREUNDSCHAFT. Da gab’s nicht viel zu kommentieren, und nun war es an Agneta, den Seelenstriptease mit Zufallsgenerator abzulegen. Es dauerte nicht lang, und auch sie klackerte ihre Buchstaben aufs Brett: GESUNDHEIT. Gäääähn – wie langweilig war das denn? Alles starrte nun gespannt auf Steffi. Die grinste frech – und klick, klack: PILLERMANN. Allgemeine Erheiterung, außer bei mir.
Denn nun war ich an der Reihe, und egal, wie ich die Buchstaben schob und wendete, es gab nur ein Wort, das wirklich Sinn ergab. Wie gern hätte ich so was wie PARTY, EXZESS, POPPERS, GRUPPENSEX oder wenigstens Begriffe wie FREIBIER oder RÖHRENFERNSEHER gelegt, einfach nur, um anders zu sein als die alten, gediegenen Säcke um mich herum und ihnen damit zu zeigen: „Seht her, ihr seid verrostet, doch bei mir geht noch was!“. Doch so sehr ich mich auch anstrengte, meine Buchstaben waren gnadenlos. Ich war einen letzten, flehenden Blick voll Todessehnsucht auf Steffi, aber die hielt statt einer Wumme ihre Teetasse in der Hand. Es nutzte nichts, ich war verloren. „Hosen runter“, säuselte sie. „Mitgehangen, mitgefangen“. B! A! Ich weiß nicht mehr, was mich mehr entsetzt hat. U! S! Dass tatsächlich ich es war, der das Unwort gelegt hat – P! A! – oder dass meine alten Freunde zustimmend genickt haben? R! V! Das Wort, das beschreiben sollte, was mir wichtig ist im Leben – E! R! – lautete – ausgerechnet! - BAUSPARVERTRAG.

