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    <title>Die Kolumnen</title>
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    <description>Jeden Monat neu in der SZENE Hamburg: Philipp von Blasheims Reflexionen über den ganz alltäglichen schwulen Wahnsinn. &lt;br/&gt;Mit Illustrationen von Michael Wrede &lt;br/&gt;und Fundstücken aus Youtube.</description>
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      <title>Es ist Zeit, das innere Navi neu zu programmieren.</title>
      <link>http://www.homophilipp.de/Homophilipp/Die_Kolumnen/Eintr%C3%A4ge/2011/6/1_Es_ist_Zeit,_das_innere_Navi_neu_zu_programmieren..html</link>
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      <pubDate>Wed, 1 Jun 2011 06:49:13 +0200</pubDate>
      <description>Neulich saß ich wieder mal vorm Rechner. Stundenlang. Ich klickte hier, ich klickte da, ich verglich Preise und Geräuschwerte von Einbaugeschirrspülmaschinen, ersteigerte bei Ebay ein Paket Staubsaugerbeutel und tat andere nützliche Dinge, die ältere und daher immer seltener praktizierende Homosexuelle im Internet so zu tun pflegen. Weil sich sonst nichts tat. Natürlich war ich hoffnungsvoll online, bei Gayromeo, wo ich meinen Status bescheiden auf „Suche Chat“ gesetzt hatte. Doch nichts passierte. In meinem Profil nämlich steht seit kurzem: „Alter: 40“. Genausogut könnte ich hineinschreiben „Erbarmt Euch, Männer. Auch ein alter Sack hat ein Recht auf etwas Freude im Leben.“&lt;br/&gt;Dabei bin ich zunächst eigentlich durchaus erfreut darüber gewesen, nicht mehr 39 sein zu müssen. 39 ist schlimm, echt. Als 39jähriger bin ich jeden Morgen aufgewacht und habe sowas gedacht wie: Das ist heute der letzte 22. Februar, an dem du noch nicht 40 bist. Das ist dein letztes Ostern mit einer Chance, auf Eiersuche fündig zu werden. Dein letzter Eurovision Song Contest, bei dem es noch nicht total albern aussieht, wenn du laut jubelnd vorm Fernseher hockst. &lt;br/&gt;Aber schlimmer geht immer. Jetzt bin ich 40. Statt zu gratulieren, haben mich andere alte Säcke tröstend in den Arm genommen und „Jetzt also auch Du“ gesagt. In der Kantine wurde ich gefragt, ob ich mir denn schon den Termin für die nun fällige große Inspektion besorgt hätte, den mit „großer Hafenrundfahrt“, Prostata und so. Mein Vater sagte, es sei total merkwürdig für ihn, so einen alten Sohn zu haben. Immerhin hat er sich dabei verkniffen, zu sagen, dass es noch viel merkwürdiger für ihn sein, so einen alten Sohn zu haben, der selber keinen Sohn hat, aber natürlich hat er das gedacht. Ich wiederum dachte mir: Was für ein Glück, dass ich schwul bin und keinen Sohn habe, der nämlich wäre vielleicht, so wie es dazumal bei meinem Vater war, schon 16, und ich müsste ihm nicht nur ein Moped kaufen, sondern würde ihm täglich predigen, dass früher alles besser war und mich dabei entsprechend alt und entsetzlich fühlen. Gleichzeitig würde ich Angst haben müssen, dass sich der Bengel mit dem Moped den Hals bricht oder von der Nachbarin verführt wird oder vom Nachbarn. &lt;br/&gt;Doch auch ohne halbwüchsigen Sprössling ist die Liste der Demütigungen, denen ich mich seit meinem „runden“ Geburtstag ausgesetzt sehe, nicht von Pappe und wird täglich länger. In der Drogerie drängt sich eine neue Produktpalette ins Blickfeld: Creme für die Haut ab 40, Shampoo mit Koffeinzusatz. Meine Bank schreibt mir Briefe, in denen sie freundlich, aber bestimmt, darauf hinweist, dass es nun wirklich allerhöchste Zeit sei, in die Altersvorsorge zu investieren. In der Kneipe lächeln mich die Stricher an. Und dann war da noch dieses Personalgespräch, das mich so richtig alt aussehen ließ: Da hat nämlich keiner mehr gefragt, wo ich mich in zehn Jahren sehe. Die gingen offensichtlich stillschweigend davon aus, dass ich bei ihnen auf das Ende warten will. Ist ja auch nicht mehr so lange hin.&lt;br/&gt;Neulich dann aber war ich auf einer Fete, da war man in meinem Alter, die gab mir endgültig den Rest. Die Frauen redeten über die Herausforderung, hochbegabte Kinder großzuziehen, die Männer trugen Cordanzüge. Cord-An-zü-ge! In drei Farben beige! Ich fühlte mich wie die kleine Momo inmitten der grauen Herren. Ich war schockiert, zog von dannen, machte andernorts – hurra, ich lebe noch! – in dunklen Gewölben Party und schwor mir, niemals derart zu resignieren, dass ich im Cordanzug lande. &lt;br/&gt;Doch dafür, so wurde mir klar, als am nächsten Morgen der Inhalt einer Schachtel Aspirin den Kampf gegen meine Kopfschmerzen aufnahm, muss sich etwas Grundlegendes ändern. Ich war immer davon überzeugt, dass es keine Frage des Alters, sondern der inneren Einstellung ist, ob man rausgeht und aufregende Dinge erlebt und es krachen lässt. Wer in den letzten sieben Jahren an dieser Stelle meine Berichte gelesen hat – es sind tatsächlich, oh Graus, schon sieben Jahre, ich hab‘s nachgerechnet! – weiß, wovon ich rede. Und jetzt, so erkannte ich, ist der Zeitpunkt gekommen, das innere Navi neu zu programmieren. &lt;br/&gt;Unter anderem auch deshalb ist dies hier mein letzter Beitrag in diesem Heft. Vielleicht tauche ich an anderer Stelle später wieder auf, wer weiß, aber jetzt ist erstmal Pause. Wat mutt, dat mutt. Oder, wie meine Oma immer sagte: Das eine will man, das andere muss man. Das Ziel der Reise ist indes noch ungewiss. Nur die grobe Richtung steht: Ganz weit weg von Cordanzügen. &lt;br/&gt;Erster Schritt wird ein Umzug sein. Ins Dachgeschoss, Altbau, ohne Fahrstuhl. „Nicht gerade altersgerecht“, lächeln meine Freunde, die sogenannten, süffisant. „Da werden du und deine kleinen Dicken aber ganz schön aus der Puste kommen.“ Na und? Mir ist‘s egal. Denn die Mühen werden belohnt. Die der kleinen Dicken von mir. Und die meinigen von einem neuen Ausblick. </description>
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      <title>Neulich in Neuss</title>
      <link>http://www.homophilipp.de/Homophilipp/Die_Kolumnen/Eintr%C3%A4ge/2011/4/25_Neulich_in_Neuss.html</link>
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      <pubDate>Mon, 25 Apr 2011 15:19:48 +0200</pubDate>
      <description>Ich habe wirklich keinen Grund zu Jammern. Ich hab‘s nicht schlecht getroffen mit meinem Job. Ich muss nicht jedes Wochenende arbeiten, nur fast; mir wurde erlaubt, eine eigene Kaffeemaschine ins Büro zu stellen – und wenn ich rauchen will, darf ich auf einem unbedachten Innenhof die jeweilige Witterung genießen. Das Beste aber ist: Wenn ein Vorgesetzter anfängt, mir ernsthaft auf den Keks zu gehen, fährt er meistens für ein paar Tage weg. Auf Dienstreise. New York, Wien, London, München, Zürich, Paris oder so. Hernach taucht er dann in der Regel ziemlich entspannt im Büro wieder auf. Was kein Wunder ist. Denn seinen Job haben in der Zwischenzeit andere erledigt. Ich zum Beispiel. &lt;br/&gt;Neulich aber war auch ich endlich mal an der Reihe. „Da ist ´ne Tagung“, sagte meine Chefin, „und ich habe keine Zeit. Paris.“ „Ah, Paris“, sagte ich, „wie schön, aber das Tagungsprogramm ist bestimmt so vollgepackt, dass ich wohl gar keine Zeit haben werde, die Stadt anzusehen“ – und sah mich, während ich das sagte, bereits die Tagung schwänzen, auf den Champs-Élysées cruisen, im Marais flirten, im „Bears Den“ mit kräftigen Franzosen anstoßen. Oh la, la, les mecs et les Baguettes! Doch Pustekuchen. „Nein“, sprach meine Chefin. „Nach Paris fliege ich. Sie fahren mit dem Zug nach Düsseldorf-Neuss.“ &lt;br/&gt;Merde! Neuss, ausgerechnet Neuss! Ich recherchierte umgehend bei Gayromeo, wie meine Chancen stünden, in diesem westfälischen Dreckskaff einen Kerl aufzureißen. Schließlich gehört – Neuss hin, Neuss her – ein Date ebenso zu einer derartigen Dienstreise wie ein Trolley und diese häßlichen Namensschilder, die man sich an noch hässlicheren Schlüsselbändern um den Hals zu hängen hat. Ich liebe One-Night-Stands im Hotel: Sich heimlich einen Kerl auf sein von der Firma bezahltes Einzelzimmer einzuladen und an der Rezeption vorbeizuschleusen, erinnert in seiner schaurig-schönen Verfrorenheit an Klassenreisen, als wir Jungs uns nachts in den Schlafsaal der Mädchen schlichen. Wo wir dann so gewagte Dinge taten wie Chips essen und Cola trinken – und ich es schweigend genoss, auf der Bettkante eng neben Jürgen zu sitzen, dem bereits Brusthaare gewachsen waren, während wir anderen noch im Sopran sangen.&lt;br/&gt;Doch zurück in die traurige Realität. Computer sagt: Nein. Außer den obligatorischen Provinztunten in Jockstrap und Netzhemd und den üblichen verklemmten Gymnasiallehrern, die sich nicht zu einer festen Verabredung durchringen konnten, hatte mir Gayromeo für Neuss nix zu bieten. So blieb mir, als ich frustriert meinen Trolley packte, nur die vage Hoffnung auf kräftig gebaute, erfolgreiche Geschäftsmänner, die mir in der Hotellobby vielsagende Blicke zuwerfen, um sodann erst im hoteleigenen Whirlpool und später auf meinem Zimmer zu landen.&lt;br/&gt;Aber auch diese Hoffnung schwand schon bald. Schon wenige Minuten nach Ankunft im Hotel am frühen Morgen – ich hatte mich entschieden, erst kurz vor knapp anzureisen und den Abend vorher noch für eine letzte, verzweifelte Recherche auf Gayromeo zu nutzen – war klar: Kräftig gebaute, erfolgreiche Geschäftsmänner treffen sich überall auf der Welt, aber wohl kaum in Neuss. Stattdessen war das Hotel, von den wenigen Teilnehmern meiner kleinen Tagung abgesehen, fest in der Hand von Tchibo-Verkäuferinnen, die hier offenbar zum Motivationstraining zusammengetrieben worden waren. Und während ich noch darüber nachdachte, wie Tchibo es schafft, nicht nur alle Filialen gleich auszustatten, sondern auch noch 400 Verkäuferinnen anzustellen, die alle gleich aussehen (Ende 30, Strähnen im Haar, flotte Bluse, rasante Weste und munteres Halstuch), kam ein geschätzter und ebenfalls homosexueller Kollege mit feistem Grinsen auf mich zu. „Bin schon gestern abend angekommen“, griente er. „Ist ganz nett hier.“&lt;br/&gt;Nett? In Neuss? In dieser Diaspora? „Kann nicht sein“, sagte ich und berichtete von meiner vergeblichen Recherche auf Gayromeo, während ich frustriert meinen Blick über die Horde der kaffeetrinkenden Elsen schweifen ließ. „400 Tchibo-Verkäuferinnen – und ich mittendrin, allein und anders und unbeachtet! So wie Westerwelle auf einer Parteivollversammlung!“ Georg lächelte milde. „Das stimmt nicht ganz. Es sind nur 399“, sagte er. „Nummer 400 ist kräftig, männlich und behaart.“ Potzblitz. Grund zur Hoffnung. Ich bemühte mich, möglichst uninteressiert zu wirken – und hakte nach. „So so. Und? Wo ist die anregende Kaffeebohne jetzt?“  Georg seufzte genussvoll. „Tut mir leid, mein Lieber, aber der ist aus dem Rennen. Während du gestern deine Zeit vor dem Rechner verplempert hast, saß ich mit ihm im Whirpool. Und jetzt schläft er sich in meinem Zimmer aus.“ </description>
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      <title>Abi-Treffen</title>
      <link>http://www.homophilipp.de/Homophilipp/Die_Kolumnen/Eintr%C3%A4ge/2011/4/25_Abi-Treffen.html</link>
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      <pubDate>Mon, 25 Apr 2011 15:17:28 +0200</pubDate>
      <description>Neulich war wieder mal einer dieser Abende, an denen ich gezwungen war, mich zu outen. Zwar bin ich beileibe keine Klemmschwester, sondern in der Regel gerne homosexuell und viel. Doch der Kreis, in dem ich mich befand, hatte sich zuvor enthusiastisch mit so spannenden Themen wie elektrischen Markisen über den Terrassen ostwestfälischer Eigenheime beschäftigt, erhitzt über die Glaubensfrage Kombi oder Mini-Van debattiert und in Erinnerungen an längst vergangene Saufgelage beim Schützenfest geschwelgt – mithin nicht wirklich eine Wohlfühl-Gesellschaft für  praktizierende Homosexuelle. Ich war zum Abi-Nachtreffen geladen worden und hatte gedacht, kann ja lustig werden. Also hin. &lt;br/&gt;Doch schon am Eingang merkte ich, dass dieser Abend eine Menge Toleranz und Großmut von mir fordern würde. „Mensch, Philipp, schön, dich wiederzusehen!“, wurde ich mit fröhlichem Schulterschlag von einem aufgedunsenen Etwas begrüßt, hinter dessen Fettschicht ich den Kadaver von, wie hieß er noch, Jörg? Torsten? Stefan? vermutete, der mich seinerzeit gerne mal beim Schwimmunterricht unters Wasser gedrückt hatte. So lange, dass ich als Zwölfjähriger ganz sicher war, zu wissen, wie es aussieht, das Jenseits. „Mann, Philipp, wie lange ist das jetzt her?“ Als der stechende Schmerz in meiner Schulter etwas nachgelassen hatte, holte ich die Einladung zu diesem fragwürdigen Veteranentreffen aus der Tasche und las laut vor: „20 Jahre“.&lt;br/&gt;Ja, ja, der Philipp. Immer noch der alte Witzbold. Als ich Jörg? Torsten? Stefan? endlich abgeschüttelt hatte („Nein, ich bin dann doch kein Astronaut geworden, die zahlen zu schlecht“) und mich von Grüppchen zu Grüppchen schob, stellte ich befriedigt fest, dass der Prozess des Alterns mit gar nicht wenigen meiner ehemaligen Mitschüler weitaus unbarmherziger umgesprungen war als mit mir. Und ich lernte, dass die Zukunftsperspektive eines Menschen scheinbar schon früh in der Kindheit festgelegt wird: Depp bleibt Depp, wer früher schon langweilig war, landet als Gutachter beim örtlichen TÜV und Mädchen, die als Zehnjährige alle zwei Wochen auf einem neue „Willst Du mit mir gehen?“-Zettel „Ja“ angekreuzt haben, sind 30 Jahre später immer noch munter als Nymphomanin unterwegs. &lt;br/&gt;Dumm nur, wenn sie es bis dahin nicht aus ihrem Dorf heraus geschafft haben. Wie Anja, die sich überschwänglich um meine Gunst bemühte. „Ich bin seit drei Jahren wieder verheiratet“, hauchte sie mir ins Ohr und schien dabei vorauszusetzen, dass ich über ihre vorherigen Ehen informiert sei. „Ach, und mein Mann ist ja soooo eifersüchtig!“ Kein Wunder, dachte ich, und versuchte mich aus dem Staub zu machen. Doch keine Chance. Anja hatte noch was vor heute Nacht. Säuselte, flirtete, wollte tanzen. Knuffte hier, streichelte da, und plapperte wie ein Wasserfall. Es dauerte gefühlte Stunden, bis ich Gelegenheit erhielt, mich zu wehren. Endlich stellte sie die Frage, die mir Gelegenheit geben sollte, dieses ganze Theater endgültig zu beenden, ohne ihr – bin ja schließlich kein Unmensch – einen schmerzhaften Korb geben zu müssen: „Und Du? Warum bist du nicht verheiratet?“&lt;br/&gt;Noch blickten mich zehn Augenpaare, so wässrig wie das lokale Bier, eher gleichgültig an. Na, was soll schon sein? Die Richtige war halt noch nicht dabei. Ich holte kurz Luft und ballte die linke Faust. Für die Bewegung! Gegen Diskriminierung! Für die sexuelle Emanzipation! „Meine Ex-Freunde wollten mich nicht.“  Stille. Staunen. Räuspern. Jörg? Torsten? Stefan? sprach als erster. „Du? Schwul? Das sieht man dir aber gar nicht an.“&lt;br/&gt;Ächz. Und das mir! Da war sie, die dümmste Bemerkung, die ein Hetero einem Homo zuteil werden lassen kann. Soll das etwa ein Kompliment sein? Zwanzig Jahre habe ich hart daran gearbeitet, schwul zu sein – und dann sieht man es mir nicht an? Es war meine gute, alte Freundin Sandra, deren soziales Barometer das Donnerwetter kommen sah, mit dem ich in Form eines längeren und lauteren Monologes diese dummen, unwissenden Landlümmel zu strafen gedachte – was freilich, wie Sandra schnell erkannte, nur in endlosen Diskussionen und einem sinnlosen Besäufnis geendet hätte. Sie setzte stattdessen auf Themenwechsel und nahm Jörg? Torsten? Stefan? ins Visier. „Wie isses denn bei Dir? Warum bist Du nicht verheiratet?“ Während ich noch vor mich hin schmollte, wurde das Monstrum rot. „Na ja. Kann mich nicht entscheiden. Hatte aber schon viele Freundinnen!“ Sandra blickte ihn überrascht an. „Echt? Das sieht man dir aber gar nicht an!“&lt;br/&gt;</description>
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      <title>Singles sind nicht immer &#13;selber schuld</title>
      <link>http://www.homophilipp.de/Homophilipp/Die_Kolumnen/Eintr%C3%A4ge/2011/3/1_Singles_sind_nicht_immer_selber_schuld.html</link>
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      <pubDate>Tue, 1 Mar 2011 21:41:54 +0100</pubDate>
      <description>Was für ein Mann! Mir wurde warm ums Herz. Ein Lächeln wie ein Sonnenaufgang, blaue Augen wie das Meer auf einer Postkarte, Arme wie Keulen, Beine wie Säulen. Ein echter Knuffel offenbar, der zudem noch die deutsche Rechtschreibung zu beherrschen schien, wie ich dem Anschreiben „an die Besucher des Profils“ entnahm. Ich klickte schwer begeistert durch die virtuelle Fotogalerie von „Nordseebaer42“, die – was selten ist im schwulen Einwohnermeldeamt gayromeo.de – ohne die üblichen Detailaufnahmen von Körperteilen daherkam, die man ja nicht immer unbedingt sofort und ungefragt sehen möchte. Ein Mann mit Niveau offenbar, stattlich und schwer sympathisch, und das er in einem Kaff an der Nordsee lebt, konnte meine Begeisterung nicht mindern. &lt;br/&gt;Jetzt bloß keinen Fehler machen! Ich nahm vorsichtig und ungewöhnlich bescheiden Kontakt auf – und siehe da: Er antwortete. Wir begannen zu chatten. Plauderten über dieses und jenes, tauschten Artigkeiten und Komplimente aus und waren uns recht fix darüber einig, dass wir uns bald unbedingt mal treffen sollten. Ich schloss die Augen und malte mir aus, wie das sein würde: Ich steige aus dem Zug und da steht ... ER. Wir sind anfangs noch etwas schüchtern, doch schon bald bricht das Eis. Ein romantischer Spaziergang am Meer. Ein Fläschchen Sekt. Dann die erste zaghafte, zärtliche Berührung. Der erste Kuss, die erste Nacht. Doch dann ... oh schreckliches Erwachen! Schluss mit Romantik, aus der Traum! Ich zitterte vor Entsetzen am ganzen Körper. Er wird doch nicht ... wie all die anderen ... ?&lt;br/&gt;Um einordnen zu können, was mich plötzlich bedrückte und die rosa Wolken meiner poetischen Schwärmerei so dunkel überschattete, muss man wissen, dass ich seit geraumer Zeit ein reflektierter Mensch bin. Ja, wirklich. Ich habe nämlich damit begonnen, mich selbstkritisch damit auseinander zu setzen, warum ich verdammt noch mal immer noch, besser gesagt: immer wieder, Single bin. Kann doch nicht sein! Selbst Dirk Bach („Mein Mann liebt jedes Pfund an mir“) ist verheiratet! &lt;br/&gt;Das verwundert insbesondere, da ich nämlich – objektiv betrachtet – keine schlechte Partie sein dürfte: Habe, zugegeben, seit geraumer Zeit ein paar kleinere Probleme mit kostruktivem Kalorienabbau, aber das ist nichts gegen das, was meine Zielgruppe plagt. Zwar werden meine Haare allmählich grau – aber immerhin sind sie noch da. Und dass mich manch übler Zeitgenosse als promisk bezeichnet, ist natürlich purer Boshaftigkeit geschuldet: Kann ich was dafür, dass da bislang kein Kerl um die Ecke gekommen ist, der mich nachhaltig ausgefüllt hat?&lt;br/&gt;Ok, ich sehe ein, dass sich der eine oder andere Tick in meiner Psyche nach fast 20 Jahren praktizierter Homosexualität breit gemacht hat. Aber das ist doch nichts ungewöhnliches. Schaue sich doch einer mal genauer die sogenannten glücklichen schwulen Pärchen an: Wenn es irgendwo von Ticks und Neurosen wimmelt, dann in schwulen DINKBLOC-Haushalten (Double-Income-No-Kids-But-Lots-Of-Cats): „Schaaatz, unsere Muschi hat heute noch gar nicht gefressen!“ &lt;br/&gt;Nein, nein, ich kam zum Schluss, dass es nicht an mir liegen kann. Die Kerle sind schuld. Besser gesagt, eine Eigenschaft, die gemeinhin als untrennbar mit echter Männlichkeit bezeichnet wird – und mir das längere Zusammensein mit den Onkels so unerträglich macht.&lt;br/&gt;Doch nun zurück zu meinem Chat. Nach durchgetippten Stunden rauchten uns bereits die Fingerkuppen, als wir bereit waren, ans Eingemachte zu gehen. Austausch über Exfreunde und gescheiterte Beziehungen und so. Dann plötzlich stellte er die Frage, auf die ich schon lange und voller Furcht gewartet hatte: „Sag mal, wieso ist eigentlich jemand wie Du noch Single?“ Ich überlegte kurz, ob ich es wirklich schon jetzt zur Sprache bringen sollte, schließlich lief ich damit Gefahr, die junge Pflanze unserer vielversprechenden virtuellen Bekanntschaft zum Verwelken zu bringen, bevor sie blühen konnte. Doch nein, es nutzte ja nichts. Wir sind ja keine 20 mehr und haben keine Zeit mehr zu verschwenden. Ich holte kurz Luft, nahm einen ordentlichen Schluck Whisky - und antwortete mit einer Gegenfrage: „Schnarchst Du?“&lt;br/&gt;</description>
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      <title>Abenteuerurlaub in einer Parallelgesellschaft</title>
      <link>http://www.homophilipp.de/Homophilipp/Die_Kolumnen/Eintr%C3%A4ge/2011/2/9_Abenteuerurlaub_in_einer_Parallelgesellschaft.html</link>
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      <pubDate>Wed, 9 Feb 2011 08:44:07 +0100</pubDate>
      <description>&lt;a href=&quot;http://www.homophilipp.de/Homophilipp/Die_Kolumnen/Eintr%C3%A4ge/2011/2/9_Abenteuerurlaub_in_einer_Parallelgesellschaft_files/Foto.jpg&quot;&gt;&lt;img src=&quot;http://www.homophilipp.de/Homophilipp/Die_Kolumnen/Media/object001_1.png&quot; style=&quot;float:left; padding-right:10px; padding-bottom:10px; width:108px; height:81px;&quot;/&gt;&lt;/a&gt;Als praktizierender Homosexueller, der auf seiner langjährigen Suche nach Liebe, Zärtlichkeit und Verständnis schon so manches Abenteuer zu bestehen hatte, ist es mir inzwischen nahezu unmöglich, meine Freunde noch mit irgendetwas zu überraschen. Falls ich plötzlich ein Faible für Ming-Vasen entdecken und nur noch asiatische Studenten daten würde – ich bin mir sicher, sie nähmen es mit einem gelassenen Schulterzucken zur Kenntnis. „Bist halt in der Midlife-Crisis.“ Käme ich auf die Idee, für ein Gang-Bang-Wochenende nach Johannesburg zu fliegen – kein Problem. „Soll ´ne schöne Stadt sein.“ Ich bin überzeugt, dass sie selbst Überlegungen meinerseits, vielleicht doch und wie auch immer Vater zu werden, mit Verständnis begegnen würden. „Das ist die Biologie“, würden sie dann vielleicht sagen, oder: „Die Gefahr fürs Kind ist gering. Es wird doch sicher bei der Mutter aufwachsen.“&lt;br/&gt;Doch neulich ist es mir tatsächlich gelungen, sie alle zu schockieren. Dabei waren meine Pläne im Prinzip unspektakulär: Es ging mir lediglich um ein paar Tage Ruhe und Besinnlichkeit. Ich wollte schlafen,  spazieren gehen, lesen, saunieren. Nachdenken, nicht reden, niemanden kennenlernen.  Ergo buchte ich das „Festliche Silvester-Arrangement“ in einem Landhotel, tat das entsprechend auf Facebook kund – und brach auf in die garantiert homosexuellenfreie Zone: Ich reiste ins ferne Sauerland. &lt;br/&gt;Potzblitz. Selten war‘s derart rundgegangen auf meiner virtuellen Pinnwand. Ich wurde gewarnt. Ich wurde belächelt. Ich wurde für verrückt erklärt. „Tu‘s nicht, für solche Mutproben bist Du nun wirklich zu alt“, hieß es. Und: „S-A-U-E-R-L-A-N-D? Allein das Wort ruft Ängste hervor!“&lt;br/&gt;Rückblickend muss ich gestehen: So ganz unrecht hatten meine Leute nicht. Was als ablenkungsfreie Auszeit mit luxuriösen Momenten inmitten einer idyllisch verschneiten Landschaft geplant war, entpuppte sich als Abenteuerurlaub in einer mysteriösen Parallelgesellschaft. Ich landete nämlich nicht in irgendeinem Hotel, sondern in der Erholungszentrale für saturierte Ruhrpott-Rentner schlechthin. Schon beim Einchecken gab man mir subtil zu verstehen, dass ich nicht wirklich zur Zielgruppe gehörte. „SIE sind der Herr mit dem Einzelzimmer?“ – „Ja, denke schon.“ – „Es ist nur ... ich hatte Sie mir älter vorgestellt.“&lt;br/&gt;Als ich die Kammer betrat, wurde mir schlagartig bewusst, dass diese Begrüßung nicht als Kompliment, sondern als Auftakt zu einer abenteuerlichen Expedition in eine demoskopische terra incognita zu verstehen war. Die Möblierung hätte ich eher im Haus der Geschichte, Abteilung „Wirtschaftswunder“, denn in einem 4-Sterne-Hotel erwartet. Die TV-Fernbedienung verfügte über wenige, dafür aber umso monströsere Tasten, die „Informationen für den Gast“ waren in Großdruck verfasst - und ein derartiges „Herzlich Willkommen! -Obst-Arrangement“ hatte ich zuletzt auf einem Nachttisch in einem Hospiz gesehen. &lt;br/&gt;Willkommen im Kukident-Paradies! Gebissträger in weißen Bademänteln wiesen mir den Weg zum heiß ersehnten „Wellness-Paradies mit Sauna-Grotte“, wo ich mich fragte, ob Zellulitis eigentlich ansteckend ist.  Im Sole-Bad lernte ich, dass es auch ein Gegenteil von Jungbrunnen gibt. Und bei der Suche nach einer freien Liege, dass verrentete Klempnermeister gerne früh reservieren – und ihren Platz bis aufs Messer zu verteidigen gewillt sind. &lt;br/&gt;Am nächsten Morgen war ich im Landhotel längst als alleinreisender, werktätiger Exot bekannt. „Seht her - so schlecht kann‘s dem Land nicht gehen“, schienen die neugierigen Blicke zu sagen, die mich auf meinem Weg durch den Speisesaal begleiteten: „Es gibt noch Leute, die die Rentenkasse füllen und sich trotzdem Urlaub leisten können!“ Nach dem Frühstück näherte sich eine resolute Oberkellnerin. „Ach“, sagte sie, „es jammert mich, wenn ich sie so alleine sitzen sehe.“ Ich: „Is‘ ok. Das habe ich so gebucht.“ Sie: „Darf ich Sie denn wenigstens bei der Silvester-Gala an einem Tisch mit anderen Herrschaften platzieren?“ Ich: „Nein, um Himmels willen. Ich liebe es, Silvester allein zu feiern.“ Sie: „Na ja, vielleicht haben Sie bis dahin Anschluss gefunden“. Ich: „Nö, sicher nicht, ich möchte das nicht.“ Sie: „Ah, verstehe. Frisch geschieden, oder?“&lt;br/&gt;Das war nur der Auftakt für diverse Verhöre in den nächsten Tagen. Offenbar hatten die Rentner zusammengelegt und der Kellnerin ein üppiges Honorar geboten, damit sie herausfände, was mit diesem merkwürdigen alleinreisenden Herren aus der Großstadt nicht stimmte. Nach dem sechsgängigen Silvester-Gala-Menü, das mich (Seniorenteller!), etwas hungrig zurückließ, nahm sie allen Mut zusammen und startete einen letzten Versuch, herauszufinden, mit wem man es zu tun hatte. „Möchten Sie auch ein paar Lose für unsere große Tombola erwerben?“, fragte sie. Ich sah mich im Geiste schon gewinnen und die Rückreise mit einem halben Schwein im Gepäck antreten. „Glaube nicht. Was ist denn der erste Preis?“ Sie lächelte verschwörerisch. „Genau weiß ich das auch nicht.“ Dann senkte sie die Stimme und musterte mich von oben bis unten. „Ich glaube ... der erste Preis ist ... eine Nacht mit unserem Empfangschef!“</description>
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      <title>Neulich hatte ich keine Lust mehr auf schwul</title>
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      <pubDate>Mon, 24 Jan 2011 08:48:23 +0100</pubDate>
      <description>Eigentlich bin ich gerne schwul. Unter anderem, weil man als Angehöriger einer Randgruppe eine Menge Vorteile genießt. Lasse ich beispielsweise bei Douglas durchblicken, dass ich Lockstoffe für Kerle suche, legen die mir immer ein paar Proben mehr in die Tüte als normal. „Sind ganz neue Düfte. Was für echte Trendsetter.“ Schnauzt mein Chef mich vor versammelter Mannschaft an, kann ich sagen: „Huch, haben wir heute unseren homophoben Tag?“ – und alle starren den Alten böse an. Selbst beim Arzt bin ich privilegiert und spare bares Geld: „Ihren HIV-Test übernimmt die Kasse. Leute wie Sie sind Risikogruppe.“&lt;br/&gt;Ja, es ist toll, schwul zu sein – solange man es noch nicht allzu lange ist. Das Problem besteht nämlich darin, dass sich nach einer gewissen Zeitspanne eine Art Übermüdung einstellt. Bei mir war es neulich soweit: Nach rund zwanzig Jahren praktizierter Homosexualität hatte ich keine Lust mehr.&lt;br/&gt;Und das hatte weniger damit zu tun, dass ich mich der 40 und damit einem Alter nähere, in dem man weniger von attraktiven Kerlen denn von Studienreiseveranstaltern und Herstellern potenzfördernder Mittel umworben wird. Damit könnte ich leben – das Problem lag vielmehr darin, dass ich mich plötzlich inmitten meines schwulen Umfelds so fremd fühlte wie der Dalai Lama beim Kölner Karneval. Meine Lieblingskneipe, einst ein Ort der Anarchie und des Genusses, war über Nacht zum gesetzeskonformen Mitläuferschuppen verkommen und bis in den Darkroom hinein ein absolutes Rauchverbot verhängt. Meine besten schwulen Freunde empfanden es neuerdings als wunderbares Freizeitvergnügen, mich samstags in ein überfülltes Kaufhaus zu zerren, um violette Tischsets zu erwerben. Und zum gefühlten 597. Mal musste ich mir ein paar Sätze anhören, die übersetzt so viel hießen wie „Auf ´ne Art bis Du ja ganz nett, aber für eine langfristige Planung nicht nett genug.“&lt;br/&gt;Man verstehe mich bitte nicht falsch: Zumindest letzteres war, für sich betrachtet, ok  – dann rufe ich Schatzi eben nicht mehr Schatzi, sondern bei seinem Vornamen, was für jemanden, der Adolf heißt, im Übrigen weitaus blöder ist als für mich. Viel intensiver wurde mein Selbstmitleid von der Erkenntnis genährt, dass ich nun irgendwann wieder „da“ raus musste. Also dorthin, wo alle Mitte 30 zu sein scheinen und in Wahrheit Mitte 40 sind, wo sie Army-Hosen tragen und Sneakers und Kurzhaarschnitte und Trainingsjacken. Um Himmels Willen - Trai-nings-jacken! Und weil ich keine Traingsjacken mehr sehen konnte und Army-Hosen schon gar nicht, beschloss ich, mein Leben zu ändern. Ich begann darüber nachzudenken, wie es wohl wäre, wenn ich … mit einer Frau … Kinder … eine Familie …&lt;br/&gt;Nach zwei Jahrzehnten gleichgeschlechtlicher Liebe war ich aber noch nicht so weit, gleich in die Vollen zu gehen, sondern zog es vor, mich dem Thema zunächst theoretisch zu nähern. Als erstes überprüfte ich, ob ich überhaupt die finanziellen Voraussetzungen für die Ernährung einer Familie erfülle. Dazu ersetzte ich im Online-Lohnsteuerrechner Steuerklasse I durch III, gab vier Gören an und staunte nicht schlecht: So viel Netto kann vom Brutto bleiben? Und da buttern die noch Kindergeld drauf? Aber dann dämmerte mir, dass es damit kaum getan war. Es fehlte noch die eine oder andere Subtraktion. Schließlich würde ja die Familie auch mal mitwollen, wenn ich essen gehe, Kinder brauchen spätestens mit vier ein iPhone und mit sechs privaten Chinesisch-Unterricht und Frauen sammeln Schuhe.&lt;br/&gt;Doch egal: „Arm, aber treu“ – das klang romantisch, und ich setzte den zweiten Teil meiner Recherche genau hier an. Auf der Suche nach Bestätigung und Motivation, mich fortan in eine Frau zu verlieben, googelte ich „frau + treu + mann + fremdgehen“ und fand -  das Gegenteil. Zum Beispiel in Form eines Artikels in der WELT. „US-Forscher haben herausgefunden: Das weibliche Geschlecht zieht es stark zu wechselndem Beischlaf hin“. Potzblitz! Mir fiel wieder ein, was mein alter Freund Nils, ein leidgeprüfter, gleichaltriger heterosexueller Single, über das Online-Dating mit jüngeren und nicht mehr ganz so jüngeren Frauen zu sagen pflegte: „Die und ich zusammengenommen“, klagte er, „sind fast genauso schlimm wie du.“&lt;br/&gt;Ich war bedient, ich war geheilt, ich brach die Gedankenspiele ab und warf mich ins nächste Taxi. „So spät noch los, Allda?“ begrüßte mich sich der Kutscher, wie es sich für einen Taxifahrer gehört, so diskret wie witzig. „Was sacht denn deine Frau dazu?“ Ich schloss versonnen die Augen. „Meine Frau, Allda, meine Allde hat gesagt: Hau schon ab und fahr in Deinen verdammten Darkroom. Rauchen kannste immer noch. Jetzt brauchste erstmal `nen Kerl!“&lt;br/&gt; </description>
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      <title>Der Neue in Schatzis Leben.</title>
      <link>http://www.homophilipp.de/Homophilipp/Die_Kolumnen/Eintr%C3%A4ge/2010/12/10_Der_Neue_in_Schatzis_Leben..html</link>
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      <pubDate>Fri, 10 Dec 2010 08:35:10 +0100</pubDate>
      <description>Ich habe gedacht: Der nicht. Der ist halbwegs normal. Hat zwar seine kleinen Ticks, wer hat die nicht, aber an und für sich und generell betrachtet ist er in seiner Gesamterscheinung plausibel. Ich bin davon ausgegangen, mehr noch, ich war mir absolut sicher, dass sich hinter seiner seriösen Fassade keine absurden Vorlieben verstecken. Nicht so wie seinerzeit bei dem stattlichen Unidozenten, der sich als kleinkarierter Pantoffelfetischist entpuppte. Oder wie bei dem gediegenen Neurologen, der auf Freiluftsex im strömenden Regen stand, was mich nach drei Erkältungen in zwei Wochen dazu brachte, unsere Bekanntschaft zur verkehrsfreien Zone zu erklären. Nee, nee, mein jetziger nicht. Der ist abgrundbefreit. Und treu. Hab ich gedacht. Bis Friedrich in unser Leben trat.&lt;br/&gt;&lt;br/&gt;Zunächst war Friedrich nur eine Internetbekanntschaft, auf die Schatzi zufällig während seiner stundenlangen Streifzüge durch virtuelle Welten gestoßen war. Ob es Liebe auf den ersten Blick war, vermag ich nicht zu sagen. Ich weiß nur, dass ich plötzlich abgemeldet war. Statt mich auf Rosen zu betten und mir jeden Wunsch von den Augen abzulesen, hing Schatzi nur noch vorm Rechner, klickte immer wieder verzückt auf Friedrichs Foto und war völlig weggetreten: „Männlich-markante Ausstrahlung, unbändiger Blick, fein gemeißelte Gesichtszüge, ein Bild von einem Mann. Sturm und Drang.“  Aus meinem harmlosen Sammler wurde ein leidenschaftlicher, kompromissloser Jäger, der um Friedrich buhlte, wie er noch nie zuvor um einen Kerl gebuhlt hatte. Um mich schon gar nicht. Klick. „Ich muss ihn haben“, murmelte er vor sich hin. Klick. „Der gehört zu mir.“ Klick. „Ich will ihn.“&lt;br/&gt;&lt;br/&gt;Nach wenigen Tagen heftigster Flirterei im Internet bekam ich eine SMS. „Fahre am Samstag nach Saarbrücken und hole Friedrich ab. Kommst Du mit?“ Jetzt war er offensichtlich völlig durchgeknallt. Ich sollte mit nach Saarbrücken, mindestens 600 Kilometer Auotobahn hin und 600 Kilometer zuürck, und das nur wegen Friedrich? Womöglich, um unterwegs vor Aufregung zitternde Händchen zu halten? Nix da. Erstens habe ich trotz rund 20jähriger praktizierter Homosexualität noch immer einen Rest Selbstachtung in mir, und zweitens habe ich Samstags wichtigere Dinge zu tun. Shoppen zum Beispiel. Ich zickte also rum – ein guter Abgang ziert die Übung – und Schatzi fuhr alleine. Am Abend die nächste SMS: „Sind angekommen. Er ist wunderschön! Aber ich krieg ihn nicht alleine hoch. Kannst Du helfen?“&lt;br/&gt;&lt;br/&gt;Natürlich war das eine bodenlose Frechheit, und ich hätte ihn zu gerne abblitzen lassen, aber irgendwie tat mir Schatzi leid. Wir werden ja alle mal älter, und leidendfrei war noch keiner geboren. Außerdem war ich auch ein wenig neugierig auf Friedrich. Wie er wohl aussah, der Neue in Schatzis Leben? Ergo tat ich, wie mir geheißen, und eilte zur Hilfe herbei. Zwei Bandscheibenschäden später war es soweit: Kalt lächelnd blickte mich Friedrich, in seiner neuen Wohnung angekommen, an. „Der passt hier nicht her“, grantelte ich, doch Schatzi war so vernebelt wie verzückt: „Raum ist in der kleinsten Hütte, für ein sich liebendes Paar.“ &lt;br/&gt;&lt;br/&gt;Diese Liebe, erwiderte ich, muss wirklich stark sein, wenn sie in der Lage ist, so dicke Herpesgeschwüre wie das auf Friedrichs Mund zu ignorieren. „Ach was“. Schatzi ließ keine Einwände gelten und begann, mit feinem Schleifpapier und Marmorpolitur die 80-Kilo-Schiller-Büste zu bearbeiten. „Siehst Du? Schon viel besser. Was für einen wunderschönen Mund er hat!“ Und wie Schatzi da stand, verzückt auf den überteuerten Staubfänger starrte und ehrfürchtig begann, das Gedicht von der Glocke aufzusagen, lernte ich zweierlei. Erstens: Es gibt keine Männer, ohne Spleen. Und zweitens: Für heute war ich abgemeldet. Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen. &lt;br/&gt;&lt;br/&gt;&lt;br/&gt;&lt;br/&gt;</description>
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      <title>Schluss mit der Fleischeslust</title>
      <link>http://www.homophilipp.de/Homophilipp/Die_Kolumnen/Eintr%C3%A4ge/2010/10/28_Schluss_mit_der_Fleischeslust.html</link>
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      <pubDate>Thu, 28 Oct 2010 07:40:01 +0200</pubDate>
      <description>Wir Homos, so erzählt man sich gern, sind unserer Zeit immer ein wenig voraus. Hüpften bereits im Fitness-Studio herum, als das noch Mucki-Bude hieß und rasierten längst unser Gemächt, als der gemeine Hetero noch fürchtete, Seife untenrum mache impotent. Kochshows und Alessi, 70er-Jahre-Tapeten und Röhrenjeans, Smart, Sneakers und Eurovision Song Contests: Wir haben Trends gesetzt und erfinden immer wieder neue, und wenn ein paar von uns sonntags in einem abgewrackten Stadtteil Händchen haltend spazieren gehen, explodieren dort montags die Immobilienpreise. &lt;br/&gt;Als „Early Adaptors“ verfügen wir über mehr Kohle und mehr Stil als die anderen und finden heute schon out, was morgen erst in ist. Angeblich jedenfalls. Wo auch immer nämlich die schwule Avantgarde sich tummeln mag – sie tut das gewiss nicht dort, wo ich mich gerade befinde. Ich bin eines dieser schwulen Fossilien, die sich in Fitness-Studios etwa so fehl am Platz fühlen wie ein Analphabet in der Stadtbücherei und für die ein Smart noch immer kein richtiges Auto, sondern eher ein Elefantenrollschuh ist. Und meine homosexuellen Freunde? Dito. Sind ebenfalls allesamt schwule Schluffis und Pantoffelhelden, zu vielem fähig, aber als Trendsetter nicht zu gebrauchen. Da handelt keiner mit chinesischen Aktien oder zwängt den rasierten Schniedelwutz in Röhrenjeans. Die Jungs mögen’s eher bequem und gediegen, und anstatt sich für 400 Euro die neuesten Nikes der Kanye-West-Kollektion zu kaufen, fahren sie für das Geld lieber eine Woche in den Harz.   &lt;br/&gt;Freilich ist es nicht so, dass ich überhaupt nicht mitbekäme, was abgeht. Allein, ich bin in der Regel einfach zu träge für die Pole Position. Schon als Kind habe ich morgens wach im Bett gelegen und mir gedacht, dass ich zu spät zur Schule komme, wenn mich nicht bald mal einer weckt. Doch neulich witterte ich die Gelegenheit, mein Leben aufzuwerten, ein Teil der Avantgarde zu werden und dabei noch Gutes zu tun. Ich las nämlich ein Buch, von dem ich lernte, dass Massentierhaltung wegen der Gülle, der Energiebilanz, der Kohlendioxide und überhaupt der ganzen Ethik wegen ziemlich übel und sehr von gestern sei. Die Argumentation des Autors war recht kompliziert, aber immerhin blieb hängen: Den Pflanzenfressern gehört die Zukunft. Das klang für mich verlockend, innovativ und schick. Ergo beschloss ich, fortan Vegetarier zu sein.  &lt;br/&gt;Bereits am nächsten Tag fühlte ich mich ganz toll. Viel freier, gesünder und fortschrittlicher als der Rest der Menschheit. Ich setzte mich vor meinen Spiegel und übte meine neue Rolle. „Das Angus-Rindersteak kann ich heute besonders empfehlen“, ließ ich den imaginären Kellner neben mir sagen. Jetzt ich, mit wichtiger Miene: „Nein danke. Bitte keine toten Tiere. Ich bin nämlich Vegetarier, müssen Sie wissen. Ein schwuler Vegetarier.“ Zugegeben, dass ich schwul bin, interessierte selbst den nicht vorhandenen Kellner nicht die Bohne, aber ich fand einfach, dass es toll klang. Ein schwuler Vegetarier!&lt;br/&gt;Nun war es an der Zeit, der Welt von meiner neuen Vorreiterrolle zu künden. „Stell Dir vor, ich lebe jetzt vegetarisch“, erzählte ich meinem alten Freund Roland. „Na und? Das mache ich schon seit zehn Jahren.“ Ok, nächster Versuch. Irene. „Du, ich glaube, das ist die Ernährungsform der Zukunft.“ Sie lächelte schief. „Fahr mal rechts ran. Alle tierischen Produkte sind Käse. Wenn du wirklich konsequent sein willst, dann musst du vegan leben. So wie ich.“ Ich rief Rosine an. „Ich glaub, ich muss mich jetzt ganz schön umstellen.“ Sie gähnte. „Komm mal runter. Du bist nicht der einzige. Sechs Millionen Vegetarier allein in Deutschland, das is’n Riesengeschäft mit entsprechendem Angebot“. &lt;br/&gt;Hmm, das hatte ich mir alles irgendwie erhebender vorgestellt.  Jetzt blieb nur noch mein Kerl, mich zu bewundern. „Schatz, ab sofort esse ich kein Fleisch mehr. Aus ethischen Gründen.“ Doch der grinste nur blöd und legte mir die Hand auf die Stirn. „Komm, lass mal Fieber messen. Ethik? Du? Keine Angst, das geht vorbei. Los, wir gehen was essen.“&lt;br/&gt;Ich war am Boden zerstört. Statt ehrfürchtig meine neue Führungsrolle zu würdigen, machte Bärchen auf dem Weg ins Restaurant einen blöden Witz nach dem anderen. „Darfste eigentlich noch Blutorangen essen? Nur gut, dass Du kein Kannibale bist. Wäre blöd, immer nur die Eier essen zu dürfen, har har. Lass mal schneller gehen, das Essen wird sonst welk.“ Sehr witzig! Versteht sich, dass meine Laune auf dem Tiefpunkt war, als wir im Restaurant ankamen. Beim Blick auf die Speisekarte jedoch, die unzählige Schlachteplatten aufzählte, aber abseits des Beilagensalates kein einziges vegetarisches Gericht, begann sich meine Stimmung schlagartig aufzuhellen. Ich winkte die Kellnerin heran: „Können Sie mir auch was Vernünftiges zu essen anbieten? Ich ernähre mich nämlich streng vegetarisch, müssen Sie wissen.“ Sie verzog keine Miene. „Sie dürfen gern aus unseren Beilagen auswählen.“ Großartig! Da war es endlich, das ersehnte Gefühl, ein Pionier des Fortschritts, die Sperrspitze der Ernährungsavantgarde, ein einsamer Kämpfer für die Rechte der Tiere und die Rettung des Planeten zu sein! Ich wählte drei gemischte Salat und hatte endlich wieder Oberwasser, derweil Moppelchen sein Steak zermalmte. „Wär ja nix für mich, so ganz ohne Fleisch“, grunzte er. Ich nickte und wetzte innerlich das Messer der Rache. „Stimmt. Das wäre ungünstig für dich. Du weißt doch, wie man einen Vegetarier mit Übergewicht gemeinhin nennt?“ Er schüttelte verwundert den Kopf. Ich blickte auf meinen Salat, senkte die Stimme – und stach endlich zu. „Is‘ doch klar. Biotonne!“</description>
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      <title>Die AGB Des Hobbygärtners</title>
      <link>http://www.homophilipp.de/Homophilipp/Die_Kolumnen/Eintr%C3%A4ge/2010/9/28_Die_AGB_Des_Hobbyg%C3%A4rtners.html</link>
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      <pubDate>Tue, 28 Sep 2010 23:10:56 +0200</pubDate>
      <description>&lt;a href=&quot;http://www.homophilipp.de/Homophilipp/Die_Kolumnen/Eintr%C3%A4ge/2010/9/28_Die_AGB_Des_Hobbyg%C3%A4rtners_files/2010-10-Philipp%20von%20Blasheim.jpg&quot;&gt;&lt;img src=&quot;http://www.homophilipp.de/Homophilipp/Die_Kolumnen/Media/object000_1.png&quot; style=&quot;float:left; padding-right:10px; padding-bottom:10px; width:108px; height:81px;&quot;/&gt;&lt;/a&gt;In Liebesdingen bin ich ein Freund geregelter Zuständigkeiten. Nicht nur bei dem, was Sie jetzt wieder denken – die Rede ist vom grundsätzlichen, ungeschriebenen Rahmenvertrag, den zwei Männer miteinander schließen, wenn sie so weit gehen, ihre Festnetznummern auszutauschen. In so einem Fall, der selten genug vorkommt, pflege ich still und stumm meine persönlichen AGB zugrunde zu legen, die mir gewisse Privilegien sichern, die dem anderen selbstverständlich verwehrt bleiben – darunter, ganz wichtig, ein einseitiges Rückgaberecht ohne langes Hin und Her. Mit dieser Methode bin ich in den meisten Fällen gut gefahren, zumal ich bislang der einzige war, der sich derart absicherte. Bislang.  &lt;br/&gt;Doch von Anfang an. Neulich, nach den üblichen Kennenlern-Ritualen, trafen mein derzeitiger Angebeteter und ich die Entscheidung, bei abendlichen Telefonaten fortan von der Mobilfunkfrequenz in das Festnetz zu wechseln. Abgesichert durch meine AGB, schien mir das Risiko kalkulierbar und der Kerl außerdem einen ernsthaften Versuch wert: Immerhin, so hatte ich inzwischen herausgefunden, war er belesen, hatte eine ziemlich bequeme Kaltschaummatratze mit gefühlten 196 austarierten Komfortzonen und wusste, dass man keine karierten Hosen zu gestreiften Hemden trägt. Genaugenommen hatte er offenbar er noch nicht mal eine karierte Hose und auch keine aus Gummi oder aus Latex, sein Gayromeo-Profil war ziemlich harmlos und auch ansonsten schien er es bislang geschafft zu haben, ohne größeren Dachschaden durchs Leben zu kommen, was bei Männern über Mitte 40 bekanntlich nicht selbstverständlich ist. &lt;br/&gt;Außerdem, so überlegte ich weiter, brachte ja schließlich nur er ein paar Ticks in unsere Zweisamkeit ein und ich, versteht sich, keine, womit wir uns prima ergänzen. Nehmen wir zum Beispiel den Frühaufsteher-Tick, unter dem er leidet, während ich, wie es sich gehört, gern solange im Bett bleibe, bis meine Bandscheiben Alarm geben. Seine frühmorgendliche Bettflucht kombiniert mit meinem ausgeprägten Erholungsbedürfnis ist durchaus harmoniefördernd: So stehe ich ihm morgens in der Küche nicht im Weg, wenn er das Frühstück macht. Und auch, dass er einen Edelschnaps-Sammeltick hat, ständig feine Whiskys und erlesene Weinbrände kauft, ohne sie gleich auszutrinken, stört mich nicht wirklich. Letztlich ist so dafür gesorgt, dass immer genug Stoff für mich vorhanden ist, der wiederum garantiert, dass ich meinen Kerl morgens nicht in der Küche störe. &lt;br/&gt;Selbst sein Grünpflanzen-Tick schien mir zunächst ungefährlich. Heteros haben Kinder, Schwuppen haben Möpse – mein kleiner Botaniker seinen Indoor-Garten. Überall Palmen, Gestrüpp und wucherndes Kraut, mit Namen versehen, die schwieriger zu merken sind als seinerzeit die verba anomala im Lateinunterricht! Bei mir hingegen verwelken sogar Kakteen. Das einzige Mal, dass ich einen grünen Daumen hatte, war im Alter von vier Jahren während der Regenierungsphase nach einer Quetschung im elterlichen Garagentor. &lt;br/&gt;Indes gilt, wie schon die alten Lateiner sagten: Contraposita se induent, Gegensätze ziehen sich an, alles gut also. Doch erstens hatte ich meine Rechnung ohne die Symbolkraft der Pflanzen gemacht und zweitens übersehen, dass sich hinter der harmlosen Fassade eines Zimmerpflanzenexperten ein knallharter Geschäftsmann verbergen kann. Als ich ihm stolz die einzige Pflanze zeigen wollte, die ich in meiner Wohnung hielt, ging das ziemlich nach hinten los: „Was’n das?“  &lt;br/&gt;Zugegeben: Das Bäumchen war nicht mehr wirklich frisch, und aus Rache für meine mangelnde caritas hatte es längst damit begonnen, mit seinen vertrockneten Blättern meinen Staubsauger zu schrotten. Aber mir schien Rettung noch möglich. „Ach was, ich gieße bald mal wieder, und dann wird das schon.“ Doch das Gestrüpp, das, wie ich nun lernte, früher einmal auf den Namen „Fikus“ gehört haben könnte, war hinüber: „Den kannste wegschmeißen“, grollte Mr. Gardena mit dem Blick eines Greenpeace-Aktivisten, der einem japanischen Walfänger gegenübersteht. „Außerdem lässt das tief blicken. Wenn du so mit Männern umgehst wie mit Pflanzen, na dann, gute Nacht.“ Uuuups! Ich hatte das dumme Gefühl, dass unsere kleine Konversation in eine völlig falsche Richtung abzudriften drohte und versuchte mit einem kleinen Scherz, die Stimmung wieder aufzuhellen. „Was haben Männer und Pflanzen gemeinsam? Ich halt’s mit ihnen nicht lange aus.“ Der Blick meines Floristen verfinsterte sich weiter, in seinen Augen war ich jetzt vom Walfänger zur lecken Bohrinsel mutiert. Neuer Versuch, mit meiner ansonsten unfehlbaren Gabe für humorvolles Konfliktmanagement, die Situation zu retten: „So gesehen, habe ich wohl schon einen Regenwald abgeholzt. Zumindest einen kleinen“. Fehlanzeige, der Pflanzenfreund blickte drein, als hätte ich gerade den Botanischen Garten mit Dioxin gedüngt. Mir wurde ganz anders. „Ähm, na ja, das ist natürlich übertrieben ... realistisch betrachtet, hab ich allenfalls für einen durchschnittlichen Komposthaufen gesorgt.“ Autsch. Störfall im Atomkraftwerk! Magister Botanicus‘ Blick ließ mich trotz allgemeiner Erderwärmung frösteln. „Es wird Zeit“, sprach er leise, „dass ich Dir meine AGB zukommen lasse. Die sehen nämlich ein einseitiges Rückgaberecht vor. Und das ohne langes Hin und Her.“  &lt;br/&gt;</description>
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      <title>Nicht immer ist es eine gute Idee, alte Freunde einzuladen</title>
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      <pubDate>Fri, 27 Aug 2010 16:55:53 +0200</pubDate>
      <description>Neulich lud ich ein paar Schwuppen meines Vertrauens, allesamt heißgeliebte Geister einer verklärten Vergangenheit, zu mir ein. Ich hatte Lust auf die drei Z, für die solcherlei schwule Wegbegleiter zuständig sind – Zechen, Zicken und Zerstreuen – außerdem war mein Kerl übers Wochenende nicht greifbar und hatte mir unter Androhung der umgehenden Wiederherstellung des Single-Zustands streng verboten, meine Lieblingskneipen anzusteuern. Ergo schien der richtige Moment für ein Spontangelage mit alten Freunden gegeben, das, wie ich mir zuvor ausmalte, nahtlos an die legendären Parties anknüpfen sollte, die wir einst in der schwullesbischen Teestube in Oldenburg-Nadorst feierten, wenn die Lesben endlich nach Hause gegangen waren. &lt;br/&gt;Doch Pustekuchen. Bereits die Ausreden der Zuspätkommer („Mein Physiotherapeut hat überzogen“, „Sorry, ich musste noch die Steuererklärung machen“) ließen an diesem Abend erahnen, dass das Adjektiv im Begriff „alte Freunde“ inzwischen weitaus mehr beschrieb als nur die reine Dauer unserer Bekanntschaft. Die einstmals führenden Junghomosexuellen der nordwestdeutschen Provinz waren in die Jahre gekommen und pflegten nun in der Metropole ein gediegenes, unspektakuläres Dasein. Nachdem sie ihre Lendenwirbelsäulen orthopädisch-korrekt auf meinen Sitzmöbeln justiert hatten, hießen sie mich erstmal, die Musik leiser zu stellen. „Mann, was’n das für ein Krach hier?“ Ich war entsetzt. „Mädels, das ist doch Abba!“ &lt;br/&gt;Aber es kam noch schlimmer. Robert, den wir früher „Rosine“ riefen, lehnte den Prosecco ab und bat stattdessen um grünen Tee. Stephan „Steffi“ dozierte über die Vorzüge ayurvedischer Ernährung, als ich („wie früher, von ALDI, versteht sich!“) Chips, Flips und Erdnüsse reichen wollte. Andreas „Agneta“ präsentierte Fotos einer Studiosus-Gruppenreise durch die Lombardei auf seinem iPhone. Und Werner „Vendeta“ blickte mitleidig auf meinen betagten Röhrenfernseher. „Verdienste so wenig, dass Du Dir noch nicht mal einen Flachbildschirm leisten kannst?“&lt;br/&gt;Aber es kam noch schlimmer. Um verstehen zu können, wie schlimm, ist es unabdingbar, vom Inhalt eines Versprechens zu wissen, das ich Steffi vor vielen Jahren abgenommen habe, als wir noch so etwas wie eine Haarfarbe hatten und Physiotherapeuten, wenn überhaupt, im Darkroom kennenlernten. Sie hatte damals auf mein Drängen feierlich geschworen, mich als letzten Freundschaftsdienst umgehend zu erschießen, wenn eine der drei folgenden Situationen eintreten sollte. Erstens: Ich trinke Asbach-Cola. Zweitens: Ich verlasse das Haus am hellichten Tag im Trainingsanzug. Drittens: Ich lade meine schwulen Freunde zu einem Brettspielabend ein. Peng!&lt;br/&gt;Ergo war ich nicht wirklich amüsiert, als Steffi vorschlug, den Abend des geselligen Beisammenseins zum heiteren Scrabblespiel zu nutzen. Ich blickte sie entsetzt an und sah im Geiste vor mir, wie sie nach Ende des Spiels einen Revolver aus ihrem Jack-Wolfskin-Rucksack holt, den sie langsam gegen meine Schläfe drückt und entsichert, während ich meine letzte Zigarette rauche und „I did it my way“ vor mich hinsumme. Doch Steffi schien den folgenschweren Eid von damals, vielleicht lag’s an der ayurvedischen Ernährung, vergessen zu haben. „Wir machen’s etwas anspruchsvoller, Mädels!“ juchzte sie, wieder ganz die Kreischelse von einst, und klatschte begeistert in die Hände. „Wir dürfen nur Worte legen, die etwas bezeichnen, was uns für unsere Zukunft wirklich wichtig ist.“ Zustimmendes Gemurmel der anderen – schließlich hatte jeder von ihnen irgendwann mal ein paar Semester lang Psychologie studiert, und wem im Alter die Gesprächsthemen ausgehen, der muss sich halt welche basteln. &lt;br/&gt;Steffi definierte die Spielregeln: Wegen des höheren Schwierigkeitsgrades sollte jeder drei Mal so viel Buchstaben ziehen dürfen wie beim normalen Scrabble. Dafür sollte ein Tausch nicht möglich sein. Wieder zustimmendes Gemurmel, die Steinchen wurden gemischt, Rosine fing an. Grübel, grübel, ein Schluck grüner Tee, wieder grübel, dann Erleichterung: FREUNDSCHAFT. Da gab’s nicht viel zu kommentieren, und nun war es an Agneta, den Seelenstriptease mit Zufallsgenerator abzulegen. Es dauerte nicht lang, und auch sie klackerte ihre Buchstaben aufs Brett: GESUNDHEIT. Gäääähn – wie langweilig war das denn? Alles starrte nun gespannt auf Steffi. Die grinste frech – und klick, klack: PILLERMANN. Allgemeine Erheiterung, außer bei mir. &lt;br/&gt;Denn nun war ich an der Reihe, und egal, wie ich die Buchstaben schob und wendete, es gab nur ein Wort, das wirklich Sinn ergab. Wie gern hätte ich so was wie PARTY, EXZESS, POPPERS, GRUPPENSEX oder wenigstens Begriffe wie FREIBIER oder RÖHRENFERNSEHER gelegt, einfach nur, um anders zu sein als die alten, gediegenen Säcke um mich herum und ihnen damit zu zeigen: „Seht her, ihr seid verrostet, doch bei mir geht noch was!“. Doch so sehr ich mich auch anstrengte, meine Buchstaben waren gnadenlos. Ich war einen letzten, flehenden Blick voll Todessehnsucht auf Steffi, aber die hielt statt einer Wumme ihre Teetasse in der Hand. Es nutzte nichts, ich war verloren. „Hosen runter“, säuselte sie. „Mitgehangen, mitgefangen“. B! A! Ich weiß nicht mehr, was mich mehr entsetzt hat. U! S! Dass tatsächlich ich es war, der das Unwort gelegt hat – P! A! – oder dass meine alten Freunde zustimmend genickt haben? R! V! Das Wort, das beschreiben sollte, was mir wichtig ist im Leben – E! R! – lautete – ausgerechnet! - BAUSPARVERTRAG.&lt;br/&gt;</description>
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